Schlagwort-Archive: Rassismus

Schüler sagt „Israel ist scheiße“ / Weniger Hausaufgaben statt Gespräch

Englischunterricht in der fünften Klasse einer Realschule in einer mittelgroßen deutschen Stadt: Die Kinder lernen, sich vorzustellen. „Hi, my name is Amy. I’m from France and live in Marseille.“ „Hi, my name is Charles. I’m from London and live in Great Britain“ „Hi, my name is Julia. I’m from Berlin and live in Germany“. Reihum lesen die Schüler die Sätze aus ihren Englischbüchern vor. Alles ist gut, bis einer Schüler sich weigert den Satz über Sarah aus Israel vorzulesen. „Israel ist scheiße“, erklärt der Schüler.

Schlimm genug, dass der Junge das überhaupt sagt. Doch in Anbetracht dessen, dass er als Fünftklässler kaum in der Lage sein wird, sich ein differenziertes Urteil über Nahost-Politik zu bilden und wahrscheinlich ohne groß nachzudenken etwas nachgeplappert hat, das er Zuhause, auf der Straße oder sonstwo aufgeschnappt hat, ist das noch entschuldbar. Die Reaktion der Lehrerin allerdings ist alles andere als entschuldbar. „Gut“, sagt sie. „Wer sich durch den Satz angegriffen fühlt, muss ihn nicht bearbeiten.“ Eine Hausaufgabe weniger.

Von einer Lehrerin erwarte ich, dass sie mit dem betreffenden Schüler und der ganzen Klasse über seine Aussage spricht. „Israel ist scheiße“, hat der Junge gesagt. Für alle hörbar. Im Unterricht. Wo hat der Junge das her? Wieso sagt er sowas? Eine Lehrerin muss an so einer Stelle nachhaken. Sie muss einschreiten, erklären, was ein solcher Satz bedeutet. Sie muss ihre Pläne für die Schulstunde über Bord werfen und mit der Klasse über Diskriminierung sprechen, über Rassismus, über den Unterschied zwischen Mensch und Staat. Die Lehrerin ist in der Pflicht gegenzusteuern und den Kindern klarzumachen, dass Sarah aus Israel kein schlechter Mensch ist, bloß, weil sie aus Israel kommt.

Die Lehrerin ist eingeknickt. Sie hat sich von einem Fünftklässler beeinflussen, sich auf der Nase herumtanzen lassen. Sie hat ihre Pflicht missachtet und nachgegeben. Statt die Klasse mit der Aussage des Jungen zu konfrontieren und den Kindern etwas beizubringen, das sozial, menschlich und moralisch in höchstem Maße nötig und im besten Fall nachhaltig gewesen wäre, hat sie einfach ihren Unterricht durchgezogen.

Wieso hat sie so gehandelt? Teilt sie die nachgeplapperte Ansicht ihres Schülers? Hat sie keine Lust auf das Gespräch mit der Klasse? Fürchtet sie Ärger mit Eltern, Kollegen oder ihren Schülern? Wie sollen Kinder zu reflektierenden, toleranten, respektvollen Erwachsenen werden, wenn sie in der Schule schon lernen, dass ein Satz wie „Israel ist scheiße“ in Ordnung ist, dass er ihnen eine Hausaufgabe weniger beschert?

Wie soll ein Kind in der fünften Klasse wissen, was der Satz „Israel ist scheiße“ bedeutet? Ohne Hilfe wird es kaum dazu in der Lage sein, den Satz zu reflektieren. Bekommt es diese Hilfe nicht, folgt dem ersten Satz womöglich ein zweiter, dem zweiten ein dritter. Das Kind wird größer, die Sätze wiegen schwerer. Im schlimmsten Fall ist das Kind am Ende zum Rassisten geworden. Das hätte die Lehrerin vielleicht verhindern können. Ihr Schweigen hat den Weg geebnet.

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Ich war bei dem Vorfall in der Schule nicht dabei. Die Person, die mir davon berichtet hat, besitzt jedoch mein vollstes Vertrauen. Ich gehe davon aus, dass sich alles tatsächlich wie beschrieben zugetragen hat. Die Namen des Schülers, der Lehrerin und der Schule sind mir bekannt. Ich möchte sie jedoch zu ihrem Wohl nicht veröffentlichen. Im Grunde spielen die Namen auch keine Rolle. Eine Geschichte wie diese kann sich überall und zu jeder Zeit ereignen.

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Polizist hetzt rassistisch gegen Kollegin

Ein Polizeianwärter in Aachen hat rassistisch gegen eine seiner Kolleginnen gehetzt. Ein eingeritztes Hakenkreuz auf ihrem Textmarker, Beleidigungen in der Whats-App-Gruppe der Kursteilnehmer und fremdenfeindliche Einträge mit rechtsextremer Tendenz in weiteren sozialen Netzwerken. Der Bericht der Rheinischen Post ist alarmierend.

Sicher, auch die Polizei bildet ein Abbild der Gesellschaft. Dass in den Reihen derer, die sich eigentlich für den Schutz der Bürger einsetzen sollten, Schläger, Ku-Klux-Klan-Mitglieder und Waffennarren ausgemacht werden, kommt vor. Auch dass ein Polizist ideologisch weit rechts der Mitte steht, ist nicht zum ersten Mal passiert. Dennoch: Immer dann, wenn ein solcher Vorfall wieder zur Schlagzeile geworden ist, ist das ein Alarmsignal, ein erschreckender Hinweis. Wie soll zwischen Bürger und Polizei ein Vetrauensverhältnis entstehen und bestehen bleiben, wenn man nicht sicher sein kann, dass der Mensch in der Uniform auch tatsächlich für die Rechte der Bürger eintritt?

Der Aachener Polizeianwärter ist vom Dienst suspendiert, Ermittlungen gegen weitere junge Polizisten laufen. Das ist richtig und wichtig. Nur durch striktes Durchgreifen kann die Polizei ein Zeichen setzen, nur so kann sie das durch einen solchen Vorfall ramponierte Image zurecht rücken. Doch ein Unbehagen bleibt. Eine Unruhe. Ein kleiner Zweifel, der immer wieder fragt, ob da nicht noch mehr sind, weitere Polizisten, die diesen Beruf eigentlich gar nicht haben dürften.

Die Polizistin, die unter den Angriffen ihres Kollegen leiden musste, hat einen Migrationshintergrund. Dass sie in den eigenen Reihen rassistisch behandelt wurde, wird andere Migranten und deren Nachkommen sicher nicht dazu animieren, eine Karriere bei der Polizei zu beginnen. Dabei könnten gerade Polizisten mit nicht-deutschen Familien der Polizei eine große Hilfe sein. Ihr kultureller Hintergrund könnte ihnen im Umgang mit Straftätern helfen, die vielleicht ähnlich aufgewachsen sind, ähnliches erlebt haben. Da, wo dem deutschen Polizisten Verständnis und Einfühlungsvermögen fehlen, weil er eben kulturell anders verwurzelt ist, könnten sie vielleicht ein ein Stück weiter kommen, Vertrauen schaffen, Respekt einfordern.

Der Vorfall in Aachen wird nicht der letzte seiner Art gewesen sein. Rassismus ist ein großes Problem unserer Gesellschaft. Neben Politikern, Verbänden und Initiativen ist auch die Polizei in der Pflicht sich an vorderster Front dagegen einzusetzen – in den eigenen Reihen wie in der Bevölkerung. Nur wenn wir Rassismus als Feind eines friedlichen Miteinanders begreifen, nur wenn wir einander respektieren und füreinander eintreten, kann unsere Gesellschaft auf Dauer funktionieren. Mit jeder rassistischen Handlung entsteht ein Riss. Schaffen wir es nicht, die Risse zu kitten, werden wir eines Tages vor einem Krater stehen, der alles in die Tiefe reißt.
Nachtrag 17.9.: Mittlerweile ist ein zweiter Polizeianwärter vom Dienst suspendiert worden. Der 2-Jährige gilt als Mittäter. Hier der Bericht auf RP online.

Der Rassist in uns

Ganz großes Lob gebührt ZDF Neo für den Beitrag „Der Rassist in uns“. 39 Menschen nehmen, ohne es vorher zu wissen, an einem Anti-Rassismus-Workshop teil. In der Opferrolle: die Blauäugigen. In der Täterrolle: die Braunäugigen. Das Experiment zeigt, wie Rassismus entsteht, wie einfach jeder Einzelne zum Diskriminierten werden kann und vor allem: Was mit den Menschen passiert. Mit Opfern, wie Tätern. „Der Rassist in uns“ ist ein Beitrag, der lange nachhallt – und eigentlich ins Hauptprogramm des ZDF gehört hätte.

Türkische Sprache? Bloß nicht!

Die Dortmunder Lokalredaktion der Ruhrnachrichten hat einen Infotext zum „Festi Ramazan“, einer Veranstaltung zum muslimischen Fastenmonat Ramadan in türkischer und deutscher Sprache veröffentlicht. Das liegt nahe, schließlich spricht das Fest viele türkischsprachige Menschen an. Welche Kommentare dazu dann jedoch bei Facebook auftauchten, lässt mich fassungslos zurück.

Chris Dorstfeld: „[…] nicht mehr lange, und die amtssprache ist nicht mehr deutsch in deutschland… fremde im eigenen land – und kein gefällt mir mehr für die RN

Thomas Puczewski:Soviel zum Thema Integration – warum können die, die hierher kommen nicht unsere Sprache lernen, warum müssen wir Ihnen immer entgegenkommen? Mir wäre es lieber gewesen der OB wäre nicht, mal wieder, eingeknickt und hätte das Unterfagen nicht zugelassen. Unsere Fest werden abgesagt – aber ein religiöses Fest (!) des Islam wird zugelassen?!?

Das sind nur zwei der mehr als 200 Kommentare. Viele davon sind glücklicherweise nicht rassistisch, sondern stellen sich hinter die vielfach pauschal diskriminierten Menschen mit nicht-deutschen Wurzeln.

Doch angefangen hat die Diskussion durch ausländerfeindliche Äußerungen. Es ist unbegreiflich, wie sich manche Menschen an einem Text dermaßen aufhängen können, bloß weil er neben der deutschen auch in türkischer Sprache verfasst war. Und dann wird ständig beteuert, dass man ja nicht ausländerfeindlich sei, aber… Was soll das? Jedes „Aber“ entlarvt die sicherheitshalber vorweggenommene Entschuldigung als Heuchelei. Du bist nicht ausländerfeindlich? Dann spar dir das „Aber“!

Geschrieben wurde der Text in den Ruhrnachrichten von einer türkischstämmigen Autorin. Nun wird ihre Arbeit von Rassisten durch den Dreck gezogen. Was soll das? Ich wünsche der jungen Frau, dass sie sich von der Kritik aus der rechten Ecke nicht entmutigen lässt. Was als nette Geste gedacht war, stellt sich im Nachhinein als mutig heraus. Mut ist wichtig, damit die Gesellschaft, in der wir leben, sich von rechts außen nicht mundtot machen lässt.

Hier ein Beitrag von Kabarettist Hagen Rether zum Thema Türken in Deutschland:

Rassismus im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

Kein Wunder, dass Deutschland in der Flüchtlingspolitik nicht weiter kommt: Joachim Lorenz, ein Mitarbeiter des Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BaMF) hat sich auf der Facebook-Seite der Behörde rassistisch über Afrikaner ausgelassen. Die Familie suchte ein Jahr lang vergebens nach einer Wohnung. Ihre Hautfarbe soll der Grund für die Vielfache Ablehnung gewesen sein. Eine Vermieterin will dem Paar gar den Händedruck verweigert haben. Der  BaMF-Mitarbeiter  begründet das folgendermaßen:

„Toleranz und Menschenwürde hin oder her( Ich bin dafür, keine Frage) aber als Vermieter würde ich doch eine Kultur präferieren, die den kulturellen Gegebenheiten adaptiert ist und weiß wie man die Wohnung in einem moderaten Zustand hält. Ich zweifle dran, dass es Afrostämmige schaffen, sich in diesem Kontext anzupassen, der Ordnungssinn ist nur partiell, wenn nur brückstückhaft vorhanden/ bzw.ausgeprägt. Daher mein Vorschlag, sie viel. in einem Kultivierungsseminar zu „europäisieren.“

Seine Äußerungen sind mittlerweile von der Facebook-Seite des BaMF gelöscht worden. In zahlreichen Facebook-Kommentaren hagelt es aber weiterhin scharfe Kritik. Das Bundesamt hat sich von der Aussage des Mitarbeiters distanziert und weist darauf hin, dass er keine feste Kraft sondern von einer anderen Behörde zur Verfügung gestellte Aushilfe sei. Mittlerweile ist der Mann suspendiert.

Für die Behörde ist es hochgradig peinlich, einen Mann in ihren Reihen zu haben, der sich zu derlei Äußerungen hinreißen lässt und diese dann auch noch auf ihrer offiziellen Facebook-Seite veröffentlicht. Das zeigt, wie sehr Rassismus im Alltag noch immer vorhanden ist. Selbst in einer Institution, die als oberstes Ziel die Bekämpfung solchen Denkens verfolgen sollte, ist offenbar nicht klar, wer auf wessen Seite steht. Die Äußerungen von Herrn Lorenz sind beschämend und alarmieren. Derlei Vorfälle tragen in keiner Weise zur Vertrauensbildung bei.

Wie soll sich ein Flüchtling in unserem Land und unserer Gesellschaft willkommen und sicher fühlen, wenn die Ablehnung schon bei den staatlichen Behörden anfängt?

Hier ein Bericht zu dem Vorfall auf Spiegel Online.

Und hier ein sehr gelungener Werbespot gegen Rassismus: