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Weil die woanders herkommen

In einem Krankenhausflur in einer mittelgroßen Stadt in Deutschland: Zwei Mitarbeiter des Krankenhauses unterhalten sich über die Freundin eines Kollegen. „Die sieht richtig gut aus“, sagt der deutsch aussehende zu seinem arabisch aussehenden Kollegen. „Eigentlich mag ich ja keine ausländischen Frauen, aber die sieht wirklich richtig gut aus“, erklärt er weiter. „So, was stört dich denn an ausländischen Frauen?“, will der andere wissen.

Der Deutsche druckst herum, scheint auf die Frage so recht keine Antwort zu finden. „Bestimmt, dass die woanders herkommen, ne?“, fragt der Araber. Den sarkastischen Unterton scheint der Deutsche gänzlich überhört zu haben. Dankbar greift er nach dem zugeworfenem Strohhalm. „Ja genau, das ist es“, stimmt er zu. „Aber bei der wäre das echt kein Problem.“

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Wenn der Name zum Problem wird

Farid Metin* ist Deutscher, Atheist und Journalist. Einer, der viel mit Lesern zu tun hat. Einer, der sich häufig ärgert. Denn mancher Leser glaubt ihm nicht. Nicht, dass Farid Deutscher ist, nicht, dass er bei Islam-Themen neutral bleibt. Und dass er genauso versiert über ein christliches Thema schreiben kann, wie einer, der Klaus Meier heißt.

Bekommt Farids Redaktion einen Leserbrief, landet der oft auf seinem Tisch. Farid ruft den Absender an, prüft, ob der den Brief auch wirklich geschrieben hat, manchmal entsteht ein Gespräch. Das Standardprozedere. Jedenfalls bis zu dem Punkt, an dem es plötzlich persönlich wird. An dem der Gesprächspartner Farid Metin als Ausländer wahrnimmt.

Ein Beispiel: Es geht um Islamfeindlichkeit. Zahlreiche Leserbriefe erreichen die Redaktion, in der Farid arbeitet. Das Standardprozedere beginnt. Sie teilen ja die Ansicht nicht, die ich so habe“, eröffnet eine Leserbriefschreiberin das Gespräch am Telefon. Mit „Sie“ meint sie wohl die Redaktion, wirft Farid und seinen Kollegen vor, zu schreiben, was die Chefs vorgeben. Farids Dementi verwundert sie. An ihrer Ansicht ändert das nichts, auch nicht an ihrer Meinung von Ausländern. Mit Argumenten kommt Farid nicht weiter.

Am Ende des Gesprächs steht die Frage nach Farids Namen: „Wie war der noch gleich?“ „Farid Metin.“ Was für ein Landsmann er denn sei, will sie wissen. „Ich bin Deutscher“, sagt Farid. Die Frau am Telefon hat Zweifel: „Mit dem Namen?“ Farid erklärt, was er oft erklärt: Er ist in Deutschland geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen und in die Uni. Nun arbeitet er in Deutschland, fühlt sich deutsch. Die Frau am Telefon: „Ich meine damit ja auch nicht alle Ausländer. Nur Moslems.“

Situationen wie diese erlebt Farid häufig. Sein Name, über den er sich jahrelang keine Gedanken gemacht hat, soll plötzlich ein Problem sein. Viele Deutsche drücken ihm einen deutschen Namen auf. Für manche ist er auch nach dem dritten Buchstabierversuch noch immer Fried Merten. Die Mehrheit meint es nicht böse. Dennoch: „So schwer ist das doch nicht“, sagt er.

Vor einer Weile hat Farid geheiratet. Seine Frau hat seinen Nachnamen in ihren deutschen angehängt. Auch sie merkt, dass sie nun öfter buchstabieren muss, an Grenzen stößt. Es macht ihr nichts aus, schließlich ist der Name ein Teil von ihr. Vielfach ließen Gesprächspartner den fremd klingenden Nachnamen jedoch einfach weg, notierten nur den deutschen. Schließlich sei das doch viel einfacher. Doch es geht nicht darum, dass es einfach ist. „Es geht um Respekt“, sagt Farid. Den vermisst er immer häufiger – bei seinen Lesern, bei seinen Gesprächspartnern, in der Gesellschaft.

*Name geändert

Ausländer, Südländer, Vergewaltiger

Da tritt er wieder in Aktion, der Ausländer, der Südländer, der Vergewaltiger. Wer sonst sollte am frühen Morgen in der Dortmunder Innenstadt ein 17-jähriges Mädchen vergewaltigen, wenn nicht jemand, der gar nicht hierher gehört – nach Deutschland, wo es so etwas wie Verbrechen, geschweige denn etwas derart Widerwärtiges wie Vergewaltigungen erst gibt, seit die Regierung die Tore für Zuwanderer geöffnet hat?

Der Deutsche etwa? Ganz sicher nicht! Da herrscht bei zahlreichen Kommentatoren unter einem Ruhrnachrichten-Bericht über die Vergewaltigung bei Facebook große Einigkeit. Hier einige Beispiele:

Tobias Dahl: „Noch mehr rein lassen. Verkaktes Deutschland

Ralf Lehmann: „Es waren Südländer steht im Bericht“
[Anm. der Autorin: Steht es nicht]

Catharine Gerth: „Tut mir leid das ich das sage,aber wir deutsche lassen uns zu viel gefallen.das wird immer weiter so gehen weil die Politiker jedes pack hier rein lässt,klar könnten es auch deutsche gemacht haben glaub ich aber nicht…da sich die Ausländer immer mehr raus nehmen.wir werden auf der straße von Rumänen,ziegeunern und was es noch so gibt beklaut und dann lachen die uns noch aus wenn wir die dabei erwischen.da Frage ich mich wie weit das noch so geht?es gibt auch nette Ausländer,aber das ist auch nur noch eine handvoll.“

Edis Djerlek: „Seit die Rumänen und Bulgaren in Dortmund eingezogen sind gehts immer nur berg ab…“

Krijstian De Boer: „Warum die Südländer immer beschuldigt werden? Weil die es so gut wie immer sind, sei es Raub, Diebstahl oder andere Verbrechen. Wovon ich aber die Deutschen nicht ausnehmen möchte.“

In dem Bericht steht mit keinem Wort etwas über die Nationalität der Täter. Ein südländisches Aussehen wird lediglich in der Pressemitteilung der Polizei erwähnt. Dennoch scheint der Tatbestand Vergewaltigung für manche schon ausreichend zu sein, um den Ausländer als Sündenbock in den Ring zu schicken.

Da ist ein Mädchen vergewaltigt worden – von zwei Männern.  Und das erste was manchen Menschen dazu einfällt, ist der böse Fingerzeig auf Ausländer. Das ist unfassbar. Als wären Deutsche dazu nicht fähig. Als würde Vergewaltigung in anderen Kulturen nicht als mindestens ebenso widerwärtig, ehrlos und verabscheuungswürdig angesehen werden wie hierzulande.

Neben Hinweisen auf die Nationalität der Täter steht in dem Ruhrnachrichten-Bericht übrigens auch nichts zum Hintergrund des Opfers. Das Mädchen könnte deutsch sein, könnte aber auch aus einer Einwandererfamilie stammen. Macht es das dann für die rechtsgerichteten Kommentatoren besser? Ist das Mädchen dann aus ihrer verqueren Sicht wohlmöglich selbst Schuld? Hat es dann verdient, dass zwei Männer es überwältigt, es festgehalten, es erniedrigt haben?

Vergewaltigt zu werden ist grausam. Der Terror für das Opfer kaum in Worte zu fassen. Mit welcher Selbstverständlichkeit manche Menschen es auch bei einer solchen Straftat noch fertig bringen, ihren rassistischen Gedankenspielen freien Lauf zu lassen, ist unfassbar.

Glücklicherweise denken nicht alle der Kommentatoren so. Viele sind in Gedanken bei dem Mädchen und wünschen ihm Kraft, die Erlebnisse möglichst unbeschadet zu verarbeiten. Manche machen ihrem Ärger über die rechtsradikalen Äußerungen Luft. Dass es jedoch überhaupt zu derlei Kommentaren kommt, zeigt, dass gesellschaftlich etwas gehörig schief läuft.