Schönes Interview zur Kopftuch-Debatte

Ein schönes Interview zur Kopftuch-Debatte in Dortmund: Ruhrnachrichten-Redakteurin Sarah Bornemann spricht mit Ahmad Aweimer, Vorsitzender des Rates der muslimischen Gemeinden in Dortmund, über Religion, Integration und das ewige Gezänk um ein Stück Stoff.

Zu finden ist das Gespräch hier.

 

AfD macht Wahlkampf: Drei Kinder für die „Bestandserhaltung“

Sehr interessant war am Donnerstagabend der Beitrag über die sächsische AfD im ZDF-heute-journal. Frauke Petry, Spitzenkandidatin der Partei für die Landtagswahl am 31. August, spricht sich auf einer Wahlveranstaltung in Pirna für eine „Bestandserhaltung“ aus. Drei Kinder müsse jede deutsche Frau bekommen, um dem Schrumpfen der deutschen Bevölkerung entgegenzuwirken. „So einfach ist das“, sagt die vierfache Mutter. Offenbar geht sie mit gutem Beispiel voran.

Doch Bestandserhaltung? Das hat schon ein ziemliches Geschmäckle. Man könnte fast meinen, Frau Petry fürchtet eine Überfremdung, wie es so schön heißt. Aber das kann ja überhaupt gar nicht sein, schließlich ist die AfD ja nicht fremdenfeindlich. Das wäre ja auch noch schöner, wenn tatsächlich stimmen würde, was der jungen Partei laut Bundeszentrale für politische Bildung von zahlreichen Politologen immer mal wieder vorgeworfen wird. Und wenn die AfD ihre Rechtsstaatlichkeit beteuert, dann glauben wir braven Bürger ihr das natürlich.

Neben Frauke Petry ist auch Frank Langer, AfD-Beisitzer aus dem Erzgebierge Thema des ZDF-Beitrages. Die Kamera zeigt Langers Auto beim Europawahlkampf. Ein Adler, der einen Fisch fängt, wie er evangelischen Christen als Symbol dient, ziert die Rückseite. Das Zeichen, so der Reporter, erinnere stark an das Wappen der antichristlichen, völkischen „Artgemeinschaft„, einer Splittergruppe, die Menschen in Arten aufteile und sich für die „Erhaltung und Förderung unserer Menschenart“ einsetze. Langers Kommentar: Er sei nicht so ein Freund der Religion. Mit der AfD habe das nichts zu tun. Eine reine Privatsache.

Nun, da mag er Recht haben, schließlich ist die AfD nicht religionsfeindlich. Die liebe Frau Petry etwa ist mit einem Pfarrer verheiratet. Dennoch interessant ist aber, dass das Parteiprogramm offenbar Menschen anzieht und sich engagieren lässt, die Tendenzen zum rechten Rand erkennen lassen – und sei es nur durch einen Aufkleber am Auto.

Aber vielleicht ist das, was das Symbol an Langers Auto vermittelt, ja auch bloß ein falscher Eindruck. Vielleicht bewegt sich „Arterhaltung“ gar nicht am rechten Rand, vielleicht ist das Ansinnen dieser Vereinigung bloß eines, das in weiten Teil der Gesellschaft als Tabu gilt. Denn für all jene, die endlich über Themen sprechen wollen, die sie sich anderswo nicht trauen anzuschneiden, ist die AfD genau das Richtige.

So erklären das jedenfalls Thomas Bräutigam und Thorsten Reite. Sie sehen ihre Partei als eine für all jene, die wegen der Themen, die sie beschäftigen, nicht „geschmäht werden wollen als Rechte“. Wehe dem, der da an Fremdenfeindlichkeit oder gar Verfassungswidrigkeit denkt.

Islamfeindliche Bezirksbürgermeisterin verliert ihr Amt

Nachtrag zu „Politikerin hetzt gegen Muslime (12. Juli):
Gerda Horitzky verliert ihr Amt als Bezirksbürgermeisterin der Dortmunder  Nordstadt. (Hier ein Beitrag dazu in der Online-Ausgabe der Ruhrnachrichten) Ein Monat ist vergangen, seit sie mit ihrer offenen Ablehnung gegen Kopftücher für Aufsehen gesorgt hat.

Einen Monat hat die SPD gebraucht, um sich gegen die Bezirksbürgermeisterin zu entscheiden. Nun erreichen die Genossen in der Bezirksvertretung Nord gemeinsam mit Grünen, Linken und Piraten die nötige Zweidrittelmehrheit für eine Abwahl der 72-Jährigen.

Was es da so lang zu überlegen gab, ist zwar rätselhaft, viel schlimmer ist es jedoch, dass die CDU sich offen hinter Frau Horitzky stellt. Steffen Kanitz, Kreisvorsitzender der CDU Dortmund nimmt die Dame gar öffentlich in Schutz. Sie sei ganz sicher kein ausländerfeindlicher Mensch, sagt er in einem Interview in der Printausgabe der Ruhrnachrichten vom 9. August. Ach nein? Interessant!

Wie bitte soll man Sätze wie „Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich nur noch Kopftücher. Ich will aber keine mehr sehen!“ sonst deuten? Ob Herr Kanitz wohl auch dann seine schützende Hand über Frau Horitzky gehalten hätte, wenn sie SPD-Mitglied wäre und nicht wie Herr Kanitz in der CDU?

Linktipp: Hier ein Bericht zur Reaktion von Steffen Kanitz auf Nordstadtblogger.

Ein Muslim schießt den Vogel ab

Mithat Gedik hat den Vogel abgeschossen. Der 33-Jährige ist Schützenkönig im westfälischen Sönnern. Und er ist Muslim. Ein Widerspruch? Sollte man nicht meinen, doch mit seiner Regentschaft hat Mithat Gedik nun laut einem Artikel der Süddeutschen Zeitung (SZ) eine Debatte ausgelöst, die zeigt: Integration gerne, aber bitte nicht überall.

Schützenvereine sind dem Glauben zugetan – dem christlichen. Und jetzt trägt ein Muslim die Königskette. Für Mithat Gediks Bruderschaft St. Georg Sönnern-Pröbsting ist das kein Problem. Sogar der Pastor, der den Schützen traditionell vorsteht, sprach laut SZ von „gelebter Integration“.  Außerdem ist der muslimische König in Deutschland geboren, mit einer katholischen Frau verheiratet und er belegte katholische Religionslehre gar als Abiturfach. Nicht, dass es andernfalls einen Unterschied machte, aber trotzdem.

Dem Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften ist das alles jedoch egal. Für den Dachverband der Schützen zählen Regeln offenbar mehr als Menschlichkeit. Der Muslim darf nicht beim Bezirksschützenfest antreten, der Muslim hätte weder Mitglied, geschweige denn Schützenkönig werden dürfen. „Dat is so. Man sollte gewisse Regeln einfach akzeptieren“, zitiert die SZ den Verbandsvorsitzenden Rolf Nieborg.

Auf die Idee, dass man gewisse Regeln auch ändern kann, ist der Mann wohl nicht gekommen. Wahrscheinlich will er das auch gar nicht. Wenn es ihm so um die christlichen Werte geht, sollte sich Herr Nieborg vielleicht mal unter den christlichen Mitgliedern umsehen. Wie christlich leben die? Wie wichtig ist denen der Glaube? Wahrscheinlich wird er da zwischen denen und Mithat Gedik kaum einen Unterschied finden.

Schützenbruderschaften wurden im Mittelalter gegründet und taten sich mit der Kirche zusammen. Klar, dass dann nur Christen Mitglied werden sollten, schließlich war fast jeder Bürger einer. Doch seitdem sind Hunderte Jahre vergangen. Die Welt hat sich geöffnet, die Völker haben sich vermischt, der Glaube ist in den Hintergrund getreten. Selbst der erzkonservative Vatikan macht derzeit eine Art Wandel zu mehr Toleranz durch, beschäftigt sich mit Homosexualität, mit sexuellem Missbrauch in den eigenen Reihen, demonstriert Toleranz anderer Religionen.

Vom Dachverband der Schützen ist ein ähnlich reflektiertes Verhalten wohl eher nicht zu erwarten. Ein in Deutschland geborener, beliebter, integrierter Muslim, bleibt für sie ein Muslim und damit jemand, der unter keinen Umständen ein Schützenkönig sein sollte. Auch dann nicht, wenn seiner eigene Bruderschaft die Religion egal ist.

Immerhin: Eine Änderung der Regeln will Verbandssprecher Rolf Nieborg nicht ausschließen, „aber die katholische Kirche hat auch 500 Jahre gebraucht, um die Lehren von Galileo Galilei zu akzeptieren“. Was diese Ignoranz der katholischen Kirche gebracht hat, hat die Geschichte gezeigt – nichts als Rückstand. Das Schützenwesen ist ein lebendiges Brauchtum, doch um 500 Jahre zu warten, bis Muslime in den Bruderschaften anerkannt werden, fehlt die Zeit. Bis dahin wird das Schützenwesen ein totes Brauchtum sein.

Kleiner Nachtrag (6. August):
Offenbar hat der Bund Deutscher Historischer  Schützenbruderschaften eine Kompromisslösung gefunden. Mithat Gedik darf Schützenkönig bleiben. Mehr aber auch nicht und nur ausnahmsweise.

Linktipps:
Schwuler Schützenkönig in Südwestfalen akzeptiert (WAZ)
Frauen ziehen in Schützenvereine ein (WAZ)

Islamfeind bei der BamS auf dem Vize-Chefsessel

Muslime weltweit feiern derzeit das Ende des Ramadan. Während sie mit ihren Familien und Freunden zusammen kommen und die Feierlichkeiten vorbereiten, hat Nicolaus Fest, Vize-Chef der Bild am Sonntag (BamS), nichts besseres zu tun, als sich grenzenlos populistisch über den Islam auszulassen. Öffentlich. In einem Leitartikel.

Er selbst sei nicht gläubig, doch der Islam sei ihm zunehmend ein Dorn im Auge. Gestört fühle er sich von der „weit überproportionalen Kriminalität von Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund“, der „totschlagbereiten Verachtung des Islam für Frauen und Homosexuelle“, von „Zwangsheiraten“, „Friedensrichtern“ und „Ehrenmorden“. Im Gegensatz zu anderen Religionen sei der Islam ein Integrationshindernis. Das solle bei Asyl-Fragen berücksichtigt werden. Fests Kommentar schließt mit den Worten: „Ich brauche keinen importierten Rassismus, und wofür der Islam sonst noch steht, brauche ich auch nicht.“

Nicolaus Fest setzt den Islam mit Kriminalität und Islamismus gleich und schlägt zwischen den Zeilen vor, Muslimen pauschal das Recht auf Asyl zu verweigern. Er verdammt damit sämtliche Anhänger diese Religion als Kriminelle und Menschenfeinde. Er tut das als Journalist. Als Vize-Chef einer Zeitung, die von 9,25 Millionen Menschen gelesen wird. Als ein Mensch, der weiß, was er mit seinen Worten auslöst. Durch den Shit-Storm, den er mit seinem Kommentar ausgelöst hat, scheint er sich gar bestätigt zu sehen. Bei Twitter hat Nicolaus Fest seine Meinung noch einmal bekräftigt. Konsequenzen scheinen seine Äußerungen für ihn nicht zu haben.

Zwar hat Bild-Chef Kai Dieckmann einen eigenen Kommentar veröffentlicht, in dem er versichert, dass bei Bild und Axel Springer „kein Raum für pauschalisierende, herabwürdigende Äußerungen gegenüber dem Islam und den Menschen, die an Allah glauben“ sei.  Konkreten Bezug zu Fests Text nimmt er jedoch nicht. Auf Twitter schreibt Dieckmann, dass er Fests Kommentar für falsch hält. BamS-Chefin Marion Horn twittert: „Bild am Sonntag hat Gefühle verletzt. Ganz deutlich: Wir sind nicht islamfeindlich! Ich entschuldige mich für den entstandenen Eindruck.“  Auf den Tweet von Stefan Niggemeier, der vorschlägt, dass sich Fest eine neuen Arbeitgeber suchen müsse, wenn Dieckmann seine Kritik ernst meine, antwortete dieser:“ So ein Quatsch. Zuallerst darf für solche Kommentare bei uns kein Platz sein! Darauf kommt es an!“

Tja, der Platz war aber offensichtlich vorhanden. Und Herr Fest sieht seinen Fehler offenbar auch nicht ein. Auch ein Vize-Chef sollte nicht ungefiltert seine Meinung in die Welt hinaus schreiben dürfen. Und wenn Kai Dieckmann schon öffentlich auf das islamfeindliche Geschreibe seines Kollegen reagiert, sollte er es auch richtig machen und das Kind beim Namen nennen.
Linktipps:

Stefan Niggemeier äußert sich zum aktuellen Thema und legt dar, wie Nicolaus Fest seit Jahren versucht, sich als Hardliner zu positionieren.
Gastbeitrag von Özcan Mutlu, Bundestagsabgeordneter der Grünen, in der Bild.

Antisemitismus auf deutschen Straßen

Was derzeit bei Demonstrationen gegen das Vorgehen der israelischen Regierung in Gaza passiert, ist erschreckend. Demonstranten halten Plakate  mit Karten vom Nahen Osten hoch, auf denen Israel nicht existiert, sie rufen und zeigen Parolen wie „Tod den Juden“, „Früher angeblich Opfer, heute selber Täter“, „Kindermörder Israel“ und dergleichen mehr. Antisemitismus ist zurück in der deutschen Öffentlichkeit. Demonstrationen mit derlei Hetze gegen Juden gibt seit der neuesten Eskalation des Nahost-Konfliktes in vielen deutschen Städten, etwa in Essen, München und Berlin.

Nach anfänglicher Überraschung ist die Polizei nun mit zahlreichen Einsatzkräften vor Ort, versucht antisemitische Plakate und Demonstranten aus der Menge zu fischen und Eskalationen zu vermeiden. Ebenso wie Demonstrationen von Rechtsradikalen müssen nun auch die Pro-Palästina-Demos, die leider viel zu oft in Antisemitische Kundgebungen umschlagen, geduldet werden.

Doch anders als bei den Demos der Rechten, gibt es bisher kaum Gegenveranstaltungen. Wo sind die Kirchenvertreter, die sonst gegen Nazis auf die Straße gehen, wo sind die Bündnisse gegen Rechts, die sicher de Möglichkeit hätten, jetzt gegen Antisemitismus zu demonstrieren, wo sind die Bürger, die nicht zulassen wollen, dass Hass gegen Juden in Deutschland wieder gesellschaftsfähig wird? Bisher kaum präsent. Auch wenn aus der Täter-Generation des NS-Regimes heute kaum noch jemand lebt, ist die Untätigkeit der Gesellschaft in dieser Sache kaum zu ertragen.

Israelis und Juden werden vielfach gleichgesetzt, doch nicht jeder Jude ist Israeli und nicht jeder Israeli ist Jude. Wer öffentlich eine Kippa trägt, muss offenbar Angst haben angegriffen zu werden, Synagogen wie jüdische Einrichtungen stehen mittlerweile unter erhöhtem Schutz. Und  in Dortmund kam es bei einem Freundschaftsspiel zweier Fußballmannschaften zu Angriffen gegen die Spieler des israelischen Gast-Teams.

Was haben die Juden in Deutschland mit dem Verhalten der israelischen Regierung zu tun? Gar nichts! Welche Schuld trägt das Judentum an den Toten in Gaza? Gar keine! Welches Recht haben die Demonstranten gegen Menschen zu hetzen, nur weil sie Juden oder Israelis sind? Gar keines! Juden und Israelis stehen nicht als Gesamtheit für den Krieg.

Demonstrationen sollten stattfinden, aber friedlich und nicht gegen eine bestimmte Gruppe gerichtet, sondern gegen den Krieg als solches. Gegen den Bombenhagel der Israelis, gegen die Hamas, die die Zivilbevölkerung als Schutzschilde benutzt. Gegen das Töten auf beiden Seiten. Der Konflikt in Gaza ist tief verwurzelt. Beschuldigungen der einen Seite gegen die andere, werden nicht zu einer Lösung beitragen. Die Menschen, Regierungen wie Gruppierungen sollten sich die Hand reichen und Frieden schließen. Das wird jedoch wohl noch lange nicht passieren und so lange sollten die Menschen, die auf beiden Seiten unter dem Krieg leiden für Frieden auf die Straße gehen. Gemeinsam. Alle gegen denselben Feind. Den Krieg als solches.

#JewsAndArabsRefuseToBeEnemies

Die Zahl der Todesopfer durch die in die jüngste kriegerische Eskalation des Nahost-Konfliktes steigt immer weiter. Mittlerweile sind es mehr als 600, darunter zahlreiche Unbeteiligte. Ungeachtet der Frage, wer Schuld ist an dem seit Jahrzehnten schwelenden Konflikt, rückt eines auf beiden Seiten oft in den Hintergrund. Es ist nicht die Bevölkerung, die diesen Krieg heraufbeschworen hat. Die Mehrheit der Palästinenser und Israelis wünscht sich Frieden, ein Leben ohne Bomben, ohne Leid und Tod als tägliche Begleiter.

Auf Twitter verbreitet sich dazu gerade der Hashtag #JewsAndArabsRefuseToBeEnemies – Juden und Araber wollen keine Feinde sein. Dort laden Juden wie Araber Bilder von sich mit Freunden und Familienmitglieder der anderen Seite hoch. Sie zeigen: Es geht auch friedlich und demonstriere gegen den Hass. Gestartet haben diese Aktion der 23-Jährige Abraham Gutman und seine Kommilitonin Dania Darwish. Bekannt wurde sie durch die Journalistin Sulome Anderson . Sie postete ein Foto von sich und ihrem Freund. Dazu schrieb sie: „Er nennt mich Neshama, ich nenne ihn Habibi. Liebe spricht nicht die Sprache der Besetzung.“

Nun könnte man bemängeln, dass ein paar Fotos das Grundproblem nicht lösen. Das ist sicher richtig, denn der Kern des Konfliktes liegt tief in der Geschichte, der Hass auf die jeweils anderen ist tief verwurzelt und wird durch Erziehung und mediale Propaganda von einer Generation an die andere weitergegeben. Doch der Hashtag ist ein Anfang. Die Aktion zeigt: Zwischen all dem Hass, all den Bomben und Trümmern leben Menschen. Menschen, die sich nach Frieden sehnen.

Bloggerin, Journalistin, Fotografin

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