Alle Beiträge von carolinameinert

Tischgespräche zu Weihnachten/ „Englisch kann ich auch“

Ein Weihnachtsessen im Kreis einer Familie. Die Protagonisten: Mutter, Vater, Kind, Oma, Opa, Tante, Onkel, Nichte und deren Freund. Mutter, Vater und Kind haben eingeladen. Gefräßiges Schweigen und der Versuch ein Tischgespräch aufzubauen, an dem sich alle beteiligen können. Vater erzählt von der Arbeit. Ein Kollege ist ausgerastet, hat um sich geschlagen. Ein Russe. Dann ist das ja auch nicht weiter verwunderlich.

Wenig später bringt Mutter den CSU-Skandal auf den Tisch. Von Ausländern zu verlangen, Zuhause deutsch zu sprechen, das findet sie nicht in Ordnung. Einstimmiges Nicken am Tisch. Mutter hat Sprache als Thema entdeckt und wendet sich an den Freund der Nichte. Bisher hat er sich aufs Essen konzentriert und versucht seine Freundin am Explodieren zu hindern. Freundlich lächelnd wendet er sich der Mutter zu. Ob er denn, also Muttersprache könne man das ja nicht nennen, schließlich sei er ja hier aufgewachsen, aber ob er denn Arabisch spreche, will sie wissen. „Ich bin sogar hier geboren“, antwortet der Freund. „Und ja, ich spreche Arabisch. Englisch kann ich auch.“ Nervöses Lachen. Das Essen nimmt seinen Lauf und die Nichte muss grinsen. Vielleicht wird es doch noch lustig.

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Weil die woanders herkommen

In einem Krankenhausflur in einer mittelgroßen Stadt in Deutschland: Zwei Mitarbeiter des Krankenhauses unterhalten sich über die Freundin eines Kollegen. „Die sieht richtig gut aus“, sagt der deutsch aussehende zu seinem arabisch aussehenden Kollegen. „Eigentlich mag ich ja keine ausländischen Frauen, aber die sieht wirklich richtig gut aus“, erklärt er weiter. „So, was stört dich denn an ausländischen Frauen?“, will der andere wissen.

Der Deutsche druckst herum, scheint auf die Frage so recht keine Antwort zu finden. „Bestimmt, dass die woanders herkommen, ne?“, fragt der Araber. Den sarkastischen Unterton scheint der Deutsche gänzlich überhört zu haben. Dankbar greift er nach dem zugeworfenem Strohhalm. „Ja genau, das ist es“, stimmt er zu. „Aber bei der wäre das echt kein Problem.“

Kleider machen Leute!?

Eine lockere Unterhaltung über dieses und jenes – bis es plötzlich um Kopftücher geht. Darum, dass dieses kleine Stück Stoff für manche Menschen so eine große Sache ist. Religiös, politisch, gesellschaftlich. Tja nun, sage ich, soll doch jeder machen, wie er mag. Unter so einem Tuch kann ein kluger Kopf stecken. Jaja, sicher, sagt die Frau, aber so ganz in Ordnung sei das ja nicht. In der Türkei müssten wir Nicht-Muslime uns ja schließlich auch anpassen. Die Röcke nicht zu kurz, die Schultern bedeckt, die Kurven nicht allzu sehr zur Schau gestellt. Dann sollten sich die Muslime in Deutschlan doch auch unseren Regeln anpassen können. So ein Kopftuch das könnten die dann ja zuhause tragen. Ob sie sich nicht unwohl fühle, wenn man ihr vorschreiben wolle, wie sie sich zu kleiden habe, frage ich. Doch, doch, sagt sie. Das sei schon nicht so schön. Ob es dann nicht besser sei, dass hier jeder tragen könne, was er möchte, will ich wissen. Ja doch, sagt sie. Aber trotzdem.

Wenn der Name zum Problem wird

Farid Metin* ist Deutscher, Atheist und Journalist. Einer, der viel mit Lesern zu tun hat. Einer, der sich häufig ärgert. Denn mancher Leser glaubt ihm nicht. Nicht, dass Farid Deutscher ist, nicht, dass er bei Islam-Themen neutral bleibt. Und dass er genauso versiert über ein christliches Thema schreiben kann, wie einer, der Klaus Meier heißt.

Bekommt Farids Redaktion einen Leserbrief, landet der oft auf seinem Tisch. Farid ruft den Absender an, prüft, ob der den Brief auch wirklich geschrieben hat, manchmal entsteht ein Gespräch. Das Standardprozedere. Jedenfalls bis zu dem Punkt, an dem es plötzlich persönlich wird. An dem der Gesprächspartner Farid Metin als Ausländer wahrnimmt.

Ein Beispiel: Es geht um Islamfeindlichkeit. Zahlreiche Leserbriefe erreichen die Redaktion, in der Farid arbeitet. Das Standardprozedere beginnt. Sie teilen ja die Ansicht nicht, die ich so habe“, eröffnet eine Leserbriefschreiberin das Gespräch am Telefon. Mit „Sie“ meint sie wohl die Redaktion, wirft Farid und seinen Kollegen vor, zu schreiben, was die Chefs vorgeben. Farids Dementi verwundert sie. An ihrer Ansicht ändert das nichts, auch nicht an ihrer Meinung von Ausländern. Mit Argumenten kommt Farid nicht weiter.

Am Ende des Gesprächs steht die Frage nach Farids Namen: „Wie war der noch gleich?“ „Farid Metin.“ Was für ein Landsmann er denn sei, will sie wissen. „Ich bin Deutscher“, sagt Farid. Die Frau am Telefon hat Zweifel: „Mit dem Namen?“ Farid erklärt, was er oft erklärt: Er ist in Deutschland geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen und in die Uni. Nun arbeitet er in Deutschland, fühlt sich deutsch. Die Frau am Telefon: „Ich meine damit ja auch nicht alle Ausländer. Nur Moslems.“

Situationen wie diese erlebt Farid häufig. Sein Name, über den er sich jahrelang keine Gedanken gemacht hat, soll plötzlich ein Problem sein. Viele Deutsche drücken ihm einen deutschen Namen auf. Für manche ist er auch nach dem dritten Buchstabierversuch noch immer Fried Merten. Die Mehrheit meint es nicht böse. Dennoch: „So schwer ist das doch nicht“, sagt er.

Vor einer Weile hat Farid geheiratet. Seine Frau hat seinen Nachnamen in ihren deutschen angehängt. Auch sie merkt, dass sie nun öfter buchstabieren muss, an Grenzen stößt. Es macht ihr nichts aus, schließlich ist der Name ein Teil von ihr. Vielfach ließen Gesprächspartner den fremd klingenden Nachnamen jedoch einfach weg, notierten nur den deutschen. Schließlich sei das doch viel einfacher. Doch es geht nicht darum, dass es einfach ist. „Es geht um Respekt“, sagt Farid. Den vermisst er immer häufiger – bei seinen Lesern, bei seinen Gesprächspartnern, in der Gesellschaft.

*Name geändert

Schüler sagt „Israel ist scheiße“ / Weniger Hausaufgaben statt Gespräch

Englischunterricht in der fünften Klasse einer Realschule in einer mittelgroßen deutschen Stadt: Die Kinder lernen, sich vorzustellen. „Hi, my name is Amy. I’m from France and live in Marseille.“ „Hi, my name is Charles. I’m from London and live in Great Britain“ „Hi, my name is Julia. I’m from Berlin and live in Germany“. Reihum lesen die Schüler die Sätze aus ihren Englischbüchern vor. Alles ist gut, bis einer Schüler sich weigert den Satz über Sarah aus Israel vorzulesen. „Israel ist scheiße“, erklärt der Schüler.

Schlimm genug, dass der Junge das überhaupt sagt. Doch in Anbetracht dessen, dass er als Fünftklässler kaum in der Lage sein wird, sich ein differenziertes Urteil über Nahost-Politik zu bilden und wahrscheinlich ohne groß nachzudenken etwas nachgeplappert hat, das er Zuhause, auf der Straße oder sonstwo aufgeschnappt hat, ist das noch entschuldbar. Die Reaktion der Lehrerin allerdings ist alles andere als entschuldbar. „Gut“, sagt sie. „Wer sich durch den Satz angegriffen fühlt, muss ihn nicht bearbeiten.“ Eine Hausaufgabe weniger.

Von einer Lehrerin erwarte ich, dass sie mit dem betreffenden Schüler und der ganzen Klasse über seine Aussage spricht. „Israel ist scheiße“, hat der Junge gesagt. Für alle hörbar. Im Unterricht. Wo hat der Junge das her? Wieso sagt er sowas? Eine Lehrerin muss an so einer Stelle nachhaken. Sie muss einschreiten, erklären, was ein solcher Satz bedeutet. Sie muss ihre Pläne für die Schulstunde über Bord werfen und mit der Klasse über Diskriminierung sprechen, über Rassismus, über den Unterschied zwischen Mensch und Staat. Die Lehrerin ist in der Pflicht gegenzusteuern und den Kindern klarzumachen, dass Sarah aus Israel kein schlechter Mensch ist, bloß, weil sie aus Israel kommt.

Die Lehrerin ist eingeknickt. Sie hat sich von einem Fünftklässler beeinflussen, sich auf der Nase herumtanzen lassen. Sie hat ihre Pflicht missachtet und nachgegeben. Statt die Klasse mit der Aussage des Jungen zu konfrontieren und den Kindern etwas beizubringen, das sozial, menschlich und moralisch in höchstem Maße nötig und im besten Fall nachhaltig gewesen wäre, hat sie einfach ihren Unterricht durchgezogen.

Wieso hat sie so gehandelt? Teilt sie die nachgeplapperte Ansicht ihres Schülers? Hat sie keine Lust auf das Gespräch mit der Klasse? Fürchtet sie Ärger mit Eltern, Kollegen oder ihren Schülern? Wie sollen Kinder zu reflektierenden, toleranten, respektvollen Erwachsenen werden, wenn sie in der Schule schon lernen, dass ein Satz wie „Israel ist scheiße“ in Ordnung ist, dass er ihnen eine Hausaufgabe weniger beschert?

Wie soll ein Kind in der fünften Klasse wissen, was der Satz „Israel ist scheiße“ bedeutet? Ohne Hilfe wird es kaum dazu in der Lage sein, den Satz zu reflektieren. Bekommt es diese Hilfe nicht, folgt dem ersten Satz womöglich ein zweiter, dem zweiten ein dritter. Das Kind wird größer, die Sätze wiegen schwerer. Im schlimmsten Fall ist das Kind am Ende zum Rassisten geworden. Das hätte die Lehrerin vielleicht verhindern können. Ihr Schweigen hat den Weg geebnet.

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Ich war bei dem Vorfall in der Schule nicht dabei. Die Person, die mir davon berichtet hat, besitzt jedoch mein vollstes Vertrauen. Ich gehe davon aus, dass sich alles tatsächlich wie beschrieben zugetragen hat. Die Namen des Schülers, der Lehrerin und der Schule sind mir bekannt. Ich möchte sie jedoch zu ihrem Wohl nicht veröffentlichen. Im Grunde spielen die Namen auch keine Rolle. Eine Geschichte wie diese kann sich überall und zu jeder Zeit ereignen.

Polizist hetzt rassistisch gegen Kollegin

Ein Polizeianwärter in Aachen hat rassistisch gegen eine seiner Kolleginnen gehetzt. Ein eingeritztes Hakenkreuz auf ihrem Textmarker, Beleidigungen in der Whats-App-Gruppe der Kursteilnehmer und fremdenfeindliche Einträge mit rechtsextremer Tendenz in weiteren sozialen Netzwerken. Der Bericht der Rheinischen Post ist alarmierend.

Sicher, auch die Polizei bildet ein Abbild der Gesellschaft. Dass in den Reihen derer, die sich eigentlich für den Schutz der Bürger einsetzen sollten, Schläger, Ku-Klux-Klan-Mitglieder und Waffennarren ausgemacht werden, kommt vor. Auch dass ein Polizist ideologisch weit rechts der Mitte steht, ist nicht zum ersten Mal passiert. Dennoch: Immer dann, wenn ein solcher Vorfall wieder zur Schlagzeile geworden ist, ist das ein Alarmsignal, ein erschreckender Hinweis. Wie soll zwischen Bürger und Polizei ein Vetrauensverhältnis entstehen und bestehen bleiben, wenn man nicht sicher sein kann, dass der Mensch in der Uniform auch tatsächlich für die Rechte der Bürger eintritt?

Der Aachener Polizeianwärter ist vom Dienst suspendiert, Ermittlungen gegen weitere junge Polizisten laufen. Das ist richtig und wichtig. Nur durch striktes Durchgreifen kann die Polizei ein Zeichen setzen, nur so kann sie das durch einen solchen Vorfall ramponierte Image zurecht rücken. Doch ein Unbehagen bleibt. Eine Unruhe. Ein kleiner Zweifel, der immer wieder fragt, ob da nicht noch mehr sind, weitere Polizisten, die diesen Beruf eigentlich gar nicht haben dürften.

Die Polizistin, die unter den Angriffen ihres Kollegen leiden musste, hat einen Migrationshintergrund. Dass sie in den eigenen Reihen rassistisch behandelt wurde, wird andere Migranten und deren Nachkommen sicher nicht dazu animieren, eine Karriere bei der Polizei zu beginnen. Dabei könnten gerade Polizisten mit nicht-deutschen Familien der Polizei eine große Hilfe sein. Ihr kultureller Hintergrund könnte ihnen im Umgang mit Straftätern helfen, die vielleicht ähnlich aufgewachsen sind, ähnliches erlebt haben. Da, wo dem deutschen Polizisten Verständnis und Einfühlungsvermögen fehlen, weil er eben kulturell anders verwurzelt ist, könnten sie vielleicht ein ein Stück weiter kommen, Vertrauen schaffen, Respekt einfordern.

Der Vorfall in Aachen wird nicht der letzte seiner Art gewesen sein. Rassismus ist ein großes Problem unserer Gesellschaft. Neben Politikern, Verbänden und Initiativen ist auch die Polizei in der Pflicht sich an vorderster Front dagegen einzusetzen – in den eigenen Reihen wie in der Bevölkerung. Nur wenn wir Rassismus als Feind eines friedlichen Miteinanders begreifen, nur wenn wir einander respektieren und füreinander eintreten, kann unsere Gesellschaft auf Dauer funktionieren. Mit jeder rassistischen Handlung entsteht ein Riss. Schaffen wir es nicht, die Risse zu kitten, werden wir eines Tages vor einem Krater stehen, der alles in die Tiefe reißt.
Nachtrag 17.9.: Mittlerweile ist ein zweiter Polizeianwärter vom Dienst suspendiert worden. Der 2-Jährige gilt als Mittäter. Hier der Bericht auf RP online.

Starkes Statement gegen Homophobie

Gänsehaut und feuchte Augen – Marcus Wiebuschs Song „Dieser Tag wird kommen“. Der durch Crowdfunding finanzierte Musikclip ist ein starkes Statement gegen Homophobie und Intoleranz. Zwar geht es in dem siebenminütigen Video vor allem um Fußball, doch der Wunsch „Jeder liebt den, den er will und der Rest bleibt still“ lässt sich auf die ganze Gesellschaft ausweiten. Sehr gut gemacht! Großes Lob an die Crew!