Ein Muslim schießt den Vogel ab


Mithat Gedik hat den Vogel abgeschossen. Der 33-Jährige ist Schützenkönig im westfälischen Sönnern. Und er ist Muslim. Ein Widerspruch? Sollte man nicht meinen, doch mit seiner Regentschaft hat Mithat Gedik nun laut einem Artikel der Süddeutschen Zeitung (SZ) eine Debatte ausgelöst, die zeigt: Integration gerne, aber bitte nicht überall.

Schützenvereine sind dem Glauben zugetan – dem christlichen. Und jetzt trägt ein Muslim die Königskette. Für Mithat Gediks Bruderschaft St. Georg Sönnern-Pröbsting ist das kein Problem. Sogar der Pastor, der den Schützen traditionell vorsteht, sprach laut SZ von „gelebter Integration“.  Außerdem ist der muslimische König in Deutschland geboren, mit einer katholischen Frau verheiratet und er belegte katholische Religionslehre gar als Abiturfach. Nicht, dass es andernfalls einen Unterschied machte, aber trotzdem.

Dem Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften ist das alles jedoch egal. Für den Dachverband der Schützen zählen Regeln offenbar mehr als Menschlichkeit. Der Muslim darf nicht beim Bezirksschützenfest antreten, der Muslim hätte weder Mitglied, geschweige denn Schützenkönig werden dürfen. „Dat is so. Man sollte gewisse Regeln einfach akzeptieren“, zitiert die SZ den Verbandsvorsitzenden Rolf Nieborg.

Auf die Idee, dass man gewisse Regeln auch ändern kann, ist der Mann wohl nicht gekommen. Wahrscheinlich will er das auch gar nicht. Wenn es ihm so um die christlichen Werte geht, sollte sich Herr Nieborg vielleicht mal unter den christlichen Mitgliedern umsehen. Wie christlich leben die? Wie wichtig ist denen der Glaube? Wahrscheinlich wird er da zwischen denen und Mithat Gedik kaum einen Unterschied finden.

Schützenbruderschaften wurden im Mittelalter gegründet und taten sich mit der Kirche zusammen. Klar, dass dann nur Christen Mitglied werden sollten, schließlich war fast jeder Bürger einer. Doch seitdem sind Hunderte Jahre vergangen. Die Welt hat sich geöffnet, die Völker haben sich vermischt, der Glaube ist in den Hintergrund getreten. Selbst der erzkonservative Vatikan macht derzeit eine Art Wandel zu mehr Toleranz durch, beschäftigt sich mit Homosexualität, mit sexuellem Missbrauch in den eigenen Reihen, demonstriert Toleranz anderer Religionen.

Vom Dachverband der Schützen ist ein ähnlich reflektiertes Verhalten wohl eher nicht zu erwarten. Ein in Deutschland geborener, beliebter, integrierter Muslim, bleibt für sie ein Muslim und damit jemand, der unter keinen Umständen ein Schützenkönig sein sollte. Auch dann nicht, wenn seiner eigene Bruderschaft die Religion egal ist.

Immerhin: Eine Änderung der Regeln will Verbandssprecher Rolf Nieborg nicht ausschließen, „aber die katholische Kirche hat auch 500 Jahre gebraucht, um die Lehren von Galileo Galilei zu akzeptieren“. Was diese Ignoranz der katholischen Kirche gebracht hat, hat die Geschichte gezeigt – nichts als Rückstand. Das Schützenwesen ist ein lebendiges Brauchtum, doch um 500 Jahre zu warten, bis Muslime in den Bruderschaften anerkannt werden, fehlt die Zeit. Bis dahin wird das Schützenwesen ein totes Brauchtum sein.

Kleiner Nachtrag (6. August):
Offenbar hat der Bund Deutscher Historischer  Schützenbruderschaften eine Kompromisslösung gefunden. Mithat Gedik darf Schützenkönig bleiben. Mehr aber auch nicht und nur ausnahmsweise.

Linktipps:
Schwuler Schützenkönig in Südwestfalen akzeptiert (WAZ)
Frauen ziehen in Schützenvereine ein (WAZ)

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